top of page
All Posts


Mülltrennung
Die Wohnungstür schlug zu, kurz danach hörte sie die Haustür ins Schloß fallen. Der Bio-Müll stand immer noch da. Maria starrte auf den übervollen Eimer und kniff Lippen und Augen zu einem schmalen Strich zusammen. Über den Rand des Eimers kroch eine Made. Genau das war das Problem. Sie hatte es ihm wieder und wieder versucht zu erklären. Sie redete und bat ihn ganz freundlich, es war doch auch wirklich nicht so schwer – und er ignorierte sie und ging. Okay, sie hatte ihn ang

Piroska Kuhn
30. Aug.2 Min. Lesezeit


Bahnhof
Sie stand auf der anderen Seite und winkte ihm zu, den roten Koffer in der einen Hand und die schwarze Handtasche aus Krokodilleder in der anderen, was dazu führte, daß auch die Tasche winkte, denn der Koffer war zu schwer dafür. Er sah sie an, und das Herz ging ihm auf. Lotte! Seine Lotte! Er hatte sie erwartet, über eine Stunde stand er nun schon auf dem Bahnsteig, um nun festzustellen, daß er auf der falschen Seite stand, der anderen, die für andere Menschen bestimmt die r

Piroska Kuhn
29. Aug.2 Min. Lesezeit


Pfirsichbrötchen
Sie hatten sich beim Bäcker kennengelernt. Sie stand vor ihm und roch nach Pfirsich, umhüllt von frischem Brötchenduft, und er hätte auf der Stelle in sie reinbeißen können. Stattdessen ließ er ihr an der Kasse mit einer Handbewegung und einem „bitte“, das leise und etwas krächzend aus seinem Mund kam, den Vortritt, und sie bedankte sich mit einem strahlenden Lächeln. Er räusperte sich und suchte nach seiner Stimme. Doch da war sie auch schon aus dem Laden raus, und er schaut

Piroska Kuhn
26. Aug.1 Min. Lesezeit


Der Zylinder
Das Wetter war unerfreulich wie drei Tage Magenschmerzen. Der Regen prasselte auf seinen Kopf, rann ihm in die Augen, und Hermann war bald bis auf die Knochen naß. Er hielt sich gerade, reckte den Kopf und streckte den Rücken durch, an dem das Hemd klebte, spornte die Beine zu einem entschlossenen Schritt an, den nassen Hosen zum Trotz. Die Kutsche, die an ihm vorbeifuhr, spritzte ihn voll mit Matsch und grauem Pfützenwasser, und nun war er auch noch von unten naß. Von unten

Piroska Kuhn
22. Aug.4 Min. Lesezeit


Der Kaktus
Natürlich leckte er nicht wirklich am Kaktus, bevor er die Briefmarke auf den Brief klebte, aber er tat wie jedes Mal so, um das Mädchen aus der Fassung zu bringen. Das war leicht. Sie flatterte um ihn herum wie ein aufgescheuchtes Huhn, und je mehr sie flatterte, umso tiefer entspannte er sich in seinem Sessel. Er steckte sich eine Pistazie in den Mund und schob den Kalender zur Seite. Es war Mittwoch, nein, Donnerstagabend, wie schnell die Woche verging. Natürlich war es ni

Piroska Kuhn
21. Aug.2 Min. Lesezeit


Dadaistisches Haiku
Heute. Anfang aller Dinge. Die Suche nach dem Schlüssel. Aufzuschließen das Schloß. Pflaume. Harter Kern, weiche Schale. Doch kein Schlüssel, sie zu schließen. Regen. Er fällt. Tränen auf die Welt. Ende. Der Schlüssel - weg. Aufgabe Mini-Fingerübung – 50 Wörter Anfang: Heute Ende: weg. Diese drei Wörter müssen vorkommen: Schlüssel Pflaume Regen Eine einzige Regel:Etwas völlig Alltägliches muss am Ende eine andere Bedeutung bekommen, ohne dass du erklärst, warum. Thema: Abschi

Piroska Kuhn
20. Aug.1 Min. Lesezeit


Laurenzia
„Dennoch.“ Maria Argentina saß in ihrer Garderobe und zog sich die Lippen nach. Sie ignorierte das Gekläffe des kleinen Frettchens von Intendanten, ließ alle weiteren Worte wie Wasser von Teflon abprallen. Die Metapher klang schief, oder war es ein Vergleich? Maria dachte mit wohlwollenden Unbehagen an ihre ehemalige Deutschlehrerin, Frau Lippke. Entschlossen stand sie auf, eine Naturgewalt, die den Stuhl erleichtert ächzend zurückließ, nur um daneben wieder in die Knie zu ge

Piroska Kuhn
19. Aug.2 Min. Lesezeit


Der Karpfen (2)
Ich bitte Chattie, ihre eigene Aufgabe zu erfüllen. Hier kommt ihr Text: Plötzlich wußte Frau Wendt, daß sie den Schlüsselbund nicht hätte nehmen dürfen. Er lag seit drei Tagen auf ihrer Fensterbank, zwischen einer halb vertrockneten Basilikumpflanze und einem Teller mit Zimtsternen, und niemand hatte danach gefragt. Am Montag hatte sie noch gedacht, jemand werde kommen, ihn holen, aber am Dienstagmorgen war ihr klar geworden, daß dies kein Schlüsselbund war, sondern eine Ein

Piroska Kuhn
18. Aug.3 Min. Lesezeit


Der Karpfen
Plötzlich ergab alles Sinn. Sie hatten die ganze Zeit falsch gelegen, all die Jahrhunderte, Jahrtausende, Generationen von Menschenleben. Soviel vergeudete Rechenleistung! Die Erleuchtung kam ihm, als er den Karpfen auf der Fensterbank sah. Er hatte das Handtuch vor das Fenster gehängt, ein improvisierter Vorhang, der das Draußen fernhalten sollte, doch der Fisch war irgendwie ins Innere des Schiffs gelangt und glotzte ihn mit weit aufgerissenen Augen an, was reichlich beunru

Piroska Kuhn
17. Aug.2 Min. Lesezeit


Die Zahnbürste
Egon war ein reinlicher Mensch. Er putzte sich dreimal am Tag die Zähne. Vor dem Frühstück. Danach. Und natürlich, bevor er ins Bett ging. Seit einiger Zeit hatte er so eine neumodische Zahnbürste, die blinkte und summte und je nach Aufpreßdruck grün oder rot leuchtete, oder weiß, wenn er gar zu lasch an die Aufgabe heranging, und die ihm, Egon, vorschreiben wollte, wie lange er wo zu putzen hatte, dabei hatte Mama das nie getan, denn er, Egon, hatte sämtliche Reinigungstätig

Piroska Kuhn
15. Aug.2 Min. Lesezeit


Der Pfirsich
„Allerdings.“ Der Pfirsich lächelte ihn an. Er befand sich im Fahrstuhl zum Zahnarzt, ein großes, modernes Gebäude mit viel zu vielen Stockwerken, häßlich, ein Haifischgebiß moderner Architektur, das immer höher und höher zu wachsen schien, je länger man unten stand und hochstarrte, und Egon stand unten und starrte hoch, nestelte an seiner Krawatte, bis er sich halb erwürgte, was vielleicht ein gnädigerer Tod gewesen wäre, bevor er den Höllenschlund betrat und in den Fahrstuh

Piroska Kuhn
10. Aug.2 Min. Lesezeit


Gebrauchte Gegenstände (II)
Der Hut Egon Olinowski war 43 Jahre alt, besaß 19 Krawatten, hatte in seinem Leben 5 Zigaretten geraucht, für die er sich noch heute schämte, und trank niemals Alkohol. Er trug stets Taschentücher in der Tasche, die er bei Bedarf mit einem Lächeln und einem leisen „Bitteschön“ verteilte. Frauen und Hunde besaßen keinen Platz in seinem Leben. Er hatte das Tagebuch aus jenem Sommer verbrannt und sich eine überzüchtete Siamkatze angeschafft, die ebensoviel redete wie jede Frau.

Piroska Kuhn
8. Aug.3 Min. Lesezeit


Gebrauchte Gegenstände (I)
Chattie stellt mir eine neue Aufgabe. Sie lautet: Schreibimpuls Ein Gegenstand wird zurückgegeben, obwohl ihn niemand zurückhaben will. Vorschriften: Der Gegenstand darf völlig banal sein. Du darfst selbst entscheiden, wer ihn wem zurückgibt. Kein erklärender Rückblick. Der Grund, warum ihn niemand haben will, darf zunächst unklar bleiben. Maximal 500 Wörter. Und bitte: Wenn sich unterwegs irgendein sprachlicher Unsinn anbietet, geh ihm hinterher. 😉 Ich hirne ein bißchen he

Piroska Kuhn
7. Aug.1 Min. Lesezeit


Archiv
Es hatte mit dem Geruch begonnen, oder mit den Fliegen, aber die waren sowieso eine Plage in diesem Sommer, und die Türen hier unten waren dick und die Luft immer muffig. Die meisten Fenster ließen sich nicht öffnen, Archiv-Vorschriften zur Raumtemperatur und Luftfeuchtigkeit. Die Anfragen stapelten sich schon eine Weile, aber da niemand so genau wußte, wer dafür zuständig war, und jeder schon damit beschäftigt war, seine eigenen Aufgaben nicht zu erledigen, dauerte es eine W

Piroska Kuhn
2. Aug.1 Min. Lesezeit


Ringe
Sie sammelte Ringe. Sie steckten an ihren kurzen, dicken Fingern, an jedem davon, manchmal mehr als einer, nur am Daumen der rechten Hand trug sie keinen, denn der war einmal gebrochen gewesen, und der davon gebliebene Höcker war nicht so nachgiebig wie das weiche, wulstige Gewebe. Auch um die Taille sammelte sie Ringe, Jahresringe, Baumkuchen, wie sie zu scherzen pflegte, während sie mit wohlmanikürten Fingernägeln eine Praline nach der anderen in den Mund schob und diese mi

Piroska Kuhn
1. Aug.1 Min. Lesezeit


Der Stuhl (2)
Der Stuhl stand auf dem Tisch. Er hatte ihn abends dorthin gestellt, als er die Teller in den Schrank geräumt hatte. Es fiel ihm schwer, mit der Kaffeetasse in der Hand auf den Tisch zu klettern, um sich darauf zu setzen, also goß er den Kaffee auf den Fußboden, so daß er keine Angst mehr haben mußte, ihn dabei zu verschütten.

Piroska Kuhn
31. Juli1 Min. Lesezeit


Serpentinen-Sätze
Er wurde so rot wie Tomatensauce, als er ihr ins Dekolletee starrte, das sie ihm plötzlich darbot, als sie sich vor ihm niederbeugte, um den Stift aufzuheben, als ob sie der Balljunge wäre und er der Spieler, wo er doch nur ein Portier war, und als sie nun wieder hochkam und sich ihre Augen fast trafen, in einem Beinahe-Unfall, er seine Augen entlangschleifte an ihrem Dekolletee, wo sie gewiß Schlieren wie von Nacktschneckenschleim hinterließen, da nun wurde er noch röter, un

Piroska Kuhn
29. Juli1 Min. Lesezeit


Umlauterie
Das Stünde war traurig. Es stand am Meer, doch immer nur im Konjunktiv.

Piroska Kuhn
27. Juli1 Min. Lesezeit


Die Socke
Eine Socke unter dem Bett ist in doppelter Hinsicht unordentlich, geradezu anarchisch. Zum einem natürlich im offensichtlichen Sinne: Ein Zimmer, in dem die Socken nicht ordentlich in Zweierpaaren in der Schublade verwahrt werden, sondern vereinzelt unter dem Bett herum liegen, zwischen Staubflusen und Schokoladenpapieren, ist Zeugnis für die unordentliche Konstitution dieser räumlichen Einrichtung. Dieser ersten Unordentlichkeit oder vielmehr ihrer Beschreibung immanent ist

Piroska Kuhn
26. Juli1 Min. Lesezeit


Der Spiegel
Sie betrat den Raum und schaute in den leeren Spiegel. Sie hatte die Haare ordentlich hochgesteckt, und die fest gezurrten Strähnen begannen, an ihrer Kopfhaut zu ziehen, den Kopf mit einer unangenehmen Spannung zu füllen, die nicht entweichen konnte in diesem festen Konstrukt. Der Rock war ein Stück hochgerutscht, und sie zuppelte ihn zurecht, er war ihr zu klein geworden, also zog sie ihn aus und stand nun im Slip vor dem Spiegel. Der Spiegel starrte zurück, und als sie den

Piroska Kuhn
21. Juli1 Min. Lesezeit
bottom of page
