Der Karpfen (2)
- Piroska Kuhn

- vor 6 Tagen
- 3 Min. Lesezeit

Ich bitte Chattie, ihre eigene Aufgabe zu erfüllen. Hier kommt ihr Text:
Plötzlich wußte Frau Wendt, daß sie den Schlüsselbund nicht hätte nehmen dürfen.
Er lag seit drei Tagen auf ihrer Fensterbank, zwischen einer halb vertrockneten Basilikumpflanze und einem Teller mit Zimtsternen, und niemand hatte danach gefragt. Am Montag hatte sie noch gedacht, jemand werde kommen, ihn holen, aber am Dienstagmorgen war ihr klar geworden, daß dies kein Schlüsselbund war, sondern eine Einladung, und daß sie die Einladung bereits angenommen hatte, obwohl sie nicht wußte, wohin sie führen würde.
Sie nahm ihn.
Der Karpfen im Glas auf dem Küchentisch beobachtete sie dabei.
„Neunundvierzig“, sagte Frau Wendt.
Der Karpfen schwieg.
Sie zog ihren Schlafanzug aus, obwohl es erst halb sieben war, und schlüpfte in das schwarze Kleid, das sie sonst nur zu Beerdigungen trug; dann nahm sie den Schlüsselbund erneut in die Hand und ging zur Wohnungstür, wobei sie sich fragte, ob man einen Menschen vermissen konnte, den man nie gekannt hatte, und ob es einen Unterschied machte, wenn dieser Mensch vielleicht gar kein Mensch war, sondern etwas anderes, etwas, das nur so tat, als hätte es einen Namen und eine Wohnung und einen Schlüsselbund, und da sagte der Karpfen: „Du mußt nicht gehen.“
Das war gelogen.
Frau Wendt wußte es.
Sie ging trotzdem.
Vor dem Haus wartete ein Taxi. Der Fahrer hielt die Tür auf und fragte: „Zum Bahnhof?“
„Nein.“
Sie setzte sich hinein und gab ihm den Schlüsselbund.
Der Fahrer sah ihn an.
„Das ist aber kein Geld.“
„Das weiß ich.“
„Was soll ich damit?“
„Aufbewahren.“
Er nahm ihn.
Frau Wendt stieg aus.
Am nächsten Morgen stand in der Zeitung, daß am Dienstag eine Frau verschwunden sei. Niemand wußte, wohin. Auf ihrer Fensterbank fand man einen Karpfen, einen Teller mit Zimtsternen und neunundvierzig Schlüssel.
Keiner paßte zu ihrer Wohnung.

Ich moniere, daß Chattie sich nicht an ihre eigenen Regeln gehalten hat, und ihre Geschichte zwar reizvoll, aber etwas zusammenhangslos, geradezu dadaistisch ist. Hier kommt meine Überarbeitung. (Ich gestehe, es sind mehr als 300 Wörter.):
Plötzlich. Viele Dinge erscheinen uns plötzlich, gleichwohl sie das Ergebnis einer langen Reihe von Ereignissen, Handlungen und Gedanken sind, die sich erst am Ende dieser Kette in ihrer letztgültigen Form manifestieren, die doch häufig so wenig über den eigentlichen Kern, das ursprüngliche Wesen ihrer Bestandteile aussagt, und die in ihrer verwandelten, zusammengesetzten Form nun wieder am Anfang einer neuen Kette von Aktionen und Reaktionen stehen.
Frau Wendt neigte nicht zum Philosophieren. Sie fragte sich, weshalb sie ausgerechnet an diesem Montagmorgen und noch im Schlafanzug damit anfing. Sie stand in ihrer Küche, streute Zimt über die Pfannkuchen, die sie gebacken hatte, und die ein herrliches, duftendes Aroma in der Küche verströmten. Frau Wendt war früh wach gewesen an diesem Morgen, und wie immer, wenn sie nicht schlafen konnte, schwang sie den Kochlöffel.
Der Schlüsselbund lag auf der Fensterbank. Sie schob ihn zur Seite, als sie die Blumen goß. Frau Wendt wußte nicht, wem er gehörte, er hatte vor ein paar Tagen dort gelegen, als sie die Gießkanne griff, was äußerst seltsam war, denn niemand außer Frau Wendt hatte den Schlüssel zu ihrer eigenen Wohnung. Es war Zeit, es herauszufinden.
Sie ging ins Bad und verabschiedete sich vom Karpfen. Er schwamm in der Badewanne und glubschte sie an. Sie hatte ihn verspeisen wollen und es dann doch nicht übers Herz gebracht, als er den Mund aufmachte und sprach, gleichwohl sie ihm die Geschichte mit der verwandelten Fee nicht wirklich abkaufte und sie – wenn schon – dann lieber einen Prinzen als eine Fee gehabt hätte, aber Frösche aß sie nicht.
Frau Wendt nahm den fremden Schlüsselbund, zog den Schlafanzug aus und das schwarze Kleid an, das sie sonst nur zu Beerdigungen trug, malte sich die Lippen rot und verließ die Wohnung. Als sie vor der Tür stand, fiel ihr auf, daß sie ihren eigenen Schlüssel vergessen hatte, also begann sie, die Schlüssel am Schlüsselbund durchzuprobieren. Es waren neunundvierzig.
Plötzlich. Da war es wieder. Frau Wendt begriff, wußte, als ob sie es immer gewußt hätte, daß der fremde Schlüsselbund eine Einladung war, und daß sie längst entschieden hatte, ihr zu folgen. Sie trat vor das Haus und winkte ein Taxi heran, das passend gerade vor die Tür fuhr.
Sie gab dem Fahrer die Schlüssel, und gleichwohl er sich beschwerte, daß sie kein Geld dabei hatte, um ihn zu bezahlen, wußte er doch, wohin er fahren sollte.
Es dauerte eine Woche, bis die Polizei Frau Wendts Wohnung öffnete. Die Nachbarn waren es gewesen, die seltsame Geräusche meldeten, die aus dem Badezimmerfenster zu dringen schienen. Der Oberkommisar schrieb seinen Bericht und datierte ihn, weil es spät geworden war, auf Dienstag.




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