Der Zylinder
- Piroska Kuhn

- vor 13 Stunden
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Das Wetter war unerfreulich wie drei Tage Magenschmerzen. Der Regen prasselte auf seinen Kopf, rann ihm in die Augen, und Hermann war bald bis auf die Knochen naß. Er hielt sich gerade, reckte den Kopf und streckte den Rücken durch, an dem das Hemd klebte, spornte die Beine zu einem entschlossenen Schritt an, den nassen Hosen zum Trotz. Die Kutsche, die an ihm vorbeifuhr, spritzte ihn voll mit Matsch und grauem Pfützenwasser, und nun war er auch noch von unten naß. Von unten wie von oben, von der Seite und ganz gewiß von vorn. Hermann zog das Kinn auf die Brust, die er reckte und nach vorne streckte, drückte den Rücken durch und gab sich ganz den Anschein des eleganten Mannes, der leider in eine mißliche Situation gekommen war, die seiner Würde nun ganz gewiß nichts anhaben konnte.
Er betrachtete die Menschen an den Fenstern der Kutschen, die an ihm vorbeifuhren, hinter den Glasfronten der Geschäfte, in denen die einkauften, die es sich leisten konnten. Er marschierte vorbei an Schneidern und Hutmachern und warf einen Blick auf die Zylinder, aufgereiht im Schaufenster wie eine Parade stolzer Herren. So ein Zylinder war schon eine feine Sache, dachte Hermann. Man konnte ihn auf den Kopf setzen und war einen guten Kopf größer und geschützt vorm Regen. Natürlich würde er nie im Regen laufen, wenn er einen Zylinder hätte, sondern mit der Kutsche fahren, die Vorhänge vor den Fenstern zuziehen und nur gelegentlich hinauslinsen, um die armen Tölpel zu sehen, die mit nassen Kleidern auf der Straße eilten.
Hermann lief weiter, und vor seinem inneren Auge stolzierte der Zylinder auf seinem Kopfe im Takte mit. So versunken war er, daß er nicht bemerkte, wohin er lief, und erst, als er mit dem feinen Herrn zusammenstieß, bemerkte er sein Versäumnis. Der feine Herr schimpfte gar grob und gar nicht fein, stieß ihm mit dem Regenschirm auf die Brust, daß Hermann rücküber fiel und nun auch am Hintern ganz naß war. Die Kutsche wartete auf den feinen Herren, fuhr extra für ihn vor, und kaum war dieser eingestiegen, da war sie auch schon wieder fort, trabten die edlen Pferde davon und zogen Hermanns Augen mit sich. Als er sich wieder gesammelt hatte, da stützte er sich auf den Boden auf, um sich wieder nach oben zu bewegen, doch der Boden war nicht hart und dreckig und naß unter seiner Hand, sondern ganz und gar nachgiebig und unerwartet weich, wenn doch auch stabil und von einer gewissen Gegenwehr, bevor er unter Hermanns Hand einsank. Hermann hob den Zylinder auf, der neben seinen Füßen lag, beulte ihn wieder aus und setzte ihn auf den Kopf.
Mit neuer Würde stolzierte er die Straße lang, ganz im Bewußtsein seiner Feinheit. Die nassen Kleider am Leib machten ihn frösteln, doch er spürte es kaum, und der Regen tropfte ab von der Krempe und fiel in respektvollem Abstand vor seinem Gesichte hinunter. Er sah das Kind zu spät, das bettelnd die Hand nach ihm ausstreckte, doch was machte das, er gab ihm einen Puff in die Seite, der gar nicht so bös gemeint war, wie das Kind auf den Boden fiel. Weiter, keine Zeit, sich über Unbedeutendes zu grämen und den Kopf zu zerbrechen. Das Kind würde es schon überstehen, das Leben auf der Straße härtete ab, und warum bettelte es auch im Regen?
Hermann schaute hinein ins nächste Fenster, spiegelte sich in der Glasfront und betrachtete die Anzüge, die dahinter hingen. Wenn er sich so recht betrachtete, war der Kopf nun wahrlich fein, wie gut ihm der Zylinder stand. Er drehte sich von rechts nach links und von links nach rechts und dann einmal im Kreis, wenn er sich dabei auch aus den Augen verlor. Dann glitt sein Blick hinunter, und er sah sein nassen Hemd, hier und da schon geflickt und von gar groben Zwirn. Ohne einen Anzug war der Zylinder doch nur eine halbe Sache, eigentlich nur eine Kopfsache. Ja, wenn er es sich so recht bedachte, machte ein Zylinder allein im Regen gar wenig Sinn. Und eine Kutsche mußte es schon auch sein. So wirklich eignete er sich wohl auch gar nicht zum feinen Mann, diese unhöflichen Herren, so von oben herab konnte er und wollte er auch gar nicht mit anderen Menschen sein. So edel war auch dieser Zylinder gar nicht, konnte mit den Anzügen überhaupt nicht mithalten. Wer weiß überhaupt, wie reinlich der feine Mann, der ihn vorher besessen, ihn gepflegt hatte? Auch reiche Menschen hatten Läuse. Das hatte er zumindest gehört.
Hermann nahm den Zylinder vom Kopf und in die Hand, und der Regen prasselte nun wieder ohne Abstand auf seinen Kopf und sein Gesicht, welch Wohltat, und wusch alle Läuse ab. Just in diesem Moment trat Hermann vor ein Gasthaus, und der Wirt, der davor gerade trotz des Regens stand, – wer weiß, was er da tat – nötigte Hermann, einzutreten, riß ihm und dem Zylinder die Tür auf, und ehe Hermann sich versah, so stand er in der Wärme und dem lauten Stimmengewirr der Gaststätte. Seine Hand glitt in die Tasche und fand dort nur Löcher und gar kein Geld. Hermann sah sich nach dem Wirt um, doch der war nicht mit ihm hineingekommen. Neben der Tür steckten in einem Korb einige Regenschirme wie Schnittblumen. Hermann drehte seinen Zylinder unschlüssig in der Hand. Der blaue Regenschirm gefiel ihm ganz besonders. Die Dirne, die das Bier zu den Tischen brachte, steuerte auf ihn zu, und Hermann fühlte sich ganz heiß und eilig, nun etwas zu tun, sich zu entscheiden, irgend etwas, wie weiter. Die Gäste an den Tischen johlten, das galt nicht ihm, doch die Dirne schaute ihn an, gleich würde sie ihn ansprechen, und er hatte immer noch kein Geld, nur Löcher, und die bezahlten kein Bier. Mit plötzlichem Schwung rollte er den Zylinder wie einen Kegel über den Boden in die Mitte des Schankraums, daß alle sich danach umsahen, auch die Dirne, die ein Hinterteil hatte, ebenso beeindruckend wie das Vorderteil.
Hermann griff nach dem Regenschirm und spazierte zur Tür hinaus.




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