Gebrauchte Gegenstände (II)
- Piroska Kuhn

- 8. Aug.
- 3 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 12. Aug.
Der Hut
Egon Olinowski war 43 Jahre alt, besaß 19 Krawatten, hatte in seinem Leben 5 Zigaretten geraucht, für die er sich noch heute schämte, und trank niemals Alkohol. Er trug stets Taschentücher in der Tasche, die er bei Bedarf mit einem Lächeln und einem leisen „Bitteschön“ verteilte. Frauen und Hunde besaßen keinen Platz in seinem Leben. Er hatte das Tagebuch aus jenem Sommer verbrannt und sich eine überzüchtete Siamkatze angeschafft, die ebensoviel redete wie jede Frau.
Egon war ein zufriedener Mann. Er ging aufrecht durch die Straßen und tippte sich an den Hut, wenn er Menschen sah, die er kannte, und die meisten grüßten freundlich zurück. Es war am 29. Mai des Jahres 1987, als Egon bemerkte, daß er sich an jenem Tag noch kein einziges Mal an den Hut getippt hatte. Er machte einen Vermerk in seinem Kalender. Am nächsten Tag traf er Frau Janovska und machte einen Strich. Nach zwei Wochen zählte er drei Striche. Er bürstete seinen Hut und steckte eine neue Packung Taschentücher in die Tasche.
Nach fünf weiteren Wochen und vier Strichen begann Egon, in seinem Gedächtnis nachzuforschen. Er stellte fest, daß er bereits seit Monaten kaum noch an seinen Hut getippt hatte. Er befragte sich, ob irgend etwas vorgefallen sei, doch sagte sein Gedächtnis nichts aus, das ihm von Nutzen gewesen wäre und eine Erklärung geliefert hätte. So ging er zum dritten Regal von links an der Wand neben dem Kaminofen und griff nach dem roten Büchlein ganz rechts auf dem zweiten Boden mit der handschriftlichen 1987 (4) auf dem Rücken.
Egon verbrachte fast eine Stunde damit, bei einer Tasse grünen Tee durch das Tagebuch zu blättern. Anschließend ärgerte er sich, als er auf die Uhr schaute, die 18 Uhr 27 anzeigte, weil er nach 18 Uhr nie grünen Tee trank. Er entschied sich, vor dem Zubettgehen noch eine Tasse Kamillentee zu trinken. Er stellte das Büchlein wieder ins Regal und bürstete seinen Hut. Um 21 Uhr 50 lag Egon Olinovski das erste Mal seit Jahren noch wach.
Er schlief bis 7 Uhr 33 und ärgerte sich erneut. Er verließ das Haus um 8 Uhr 13 und kam das erste Mal in seinem Leben zu spät zur Arbeit. An diesem Abend trank Egon zwei Tassen grünen Tee und stellte sich einen zweiten Wecker.
Nach vierzehn Tagen war er beim Band 1985 (3) und einer Kanne angelangt. Es war in diesem Büchlein, daß er auf eine Episode stieß, die schon über zwei Jahre zurücklag und ihm damals ganz nebensächlich erschienen war, gleichwohl er sich jetzt doch daran erinnerte, daß die Mutter des dicken Willi doch recht aufgebracht gewirkt hatte. Er hatte dem Kind ein Taschentuch gereicht, als diesem die Rotznase lief, und aus einem Impuls heraus danach die Hand ausgestreckt und es freundlich zurückgefordert. Eigentum war wichtig. Kinder mußten so etwas noch lernen.
Das Büchlein berichtete ihm, daß er sehr freundlich und angemessen bestimmt aufgetreten war, und daß der dicke Willi ein wenig verstört gewirkt hatte. Seine Mutter erzog ihn allein, was kein Vorwurf war. Allerdings hatte sie Egon am nächsten Tag völlig unangemessen angeschrien und war zunehmend hysterisch geworden. Hier fehlten einige Seiten im Büchlein, und er konnte sich nicht erinnern, sie herausgerissen zu haben. Rückblickend schienen die Indizien jedoch hinreichend zu belegen, daß sich die Störung dort verorten ließ.
Egon stellte das Büchlein wieder in Regal und ging zufrieden ins Bett.





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